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Pendler – Qualitative und quantitative Auswirkungen auf Beschäftigte

Anfang Mai wurde in den Medien über die Zunahme der Krankheitstage infolge Stress am Arbeitsplatz berichtet. Nicht minder stressig sind für viele Beschäftigte aber auch die täglichen Fahrten zwischen Wohn- und Arbeitsort. Dennoch ist darüber wenig bekannt – trotz der hohen Bedeutung des Pendlerverkehrs nicht nur für Arbeitszufriedenheit und Gesundheit sondern auch für Infrastruktur, Umwelt, Steueraufkommen usw. Zum Teil liegt das an den bislang eingeschränkten Möglichkeiten der Erfassung des Pendlerverkehrs: Beispielsweise wurden bislang Personen, deren Wohn- und Beschäftigungsort in der gleichen Gemeinde lag, nicht als Pendler gewertet – auch wenn sie länger unterwegs waren als zwischen zwei benachbarten Gemeinden. Für Großstädte führt das zu erheblichen Verzerrungen. Man denke etwa an die Ballungszentren im Ruhrgebiet, Rhein-Main oder München.

Mit der Verbreitung von Navis liegen nun neuere Informationen vor, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit jetzt ausgewertet hat.[1] Diese Untersuchung zeigt:

  • Die mittlere Pendeldistanz ist von 2000 bis 2014 um 21% auf 10,5 km gestiegen. Der Anstieg ist v.a. auf die Zunahme von Pendeldistanzen von mehr als 20 km zurückzuführen.
  • Männer pendeln im Durchschnitt weiter (12,5 km) als Frauen (8,8 km).
  • Arbeitnehmer, die älter als 50 Jahre sind, pendeln deutlich längere Strecken als noch vor 15 Jahren.
  • Stark gestiegen sind auch die Pendeldistanzen für Arbeitnehmer ohne Berufsabschluss (22%). Das IAB schreibt dazu: „Offenbar ist für diese Personengruppe eine höhere regionale Flexibilität erforderlich. Gerade in Großstädten sind die Mieten stark gestiegen, sodass die Beschäftigten eher in Vororten wohnen und in das Zentrum fahren müssen“.
  • Eine Rolle spielt auch die Betriebszugehörigkeit: „Mit zunehmender Betriebszugehörigkeit sinkt die typische Distanz.“ Eine mögliche Erklärung ist, dass die Beschäftigten mit langen Pendeldistanzen eine nähergelegene Wohnung suchen. „Da ein Umzug mit Kosten und Aufwand verbunden ist, erfordert er ein gewisses Maß an Planungssicherheit. Mit der Betriebszugehörigkeitsdauer steigt die Stabilität des Beschäftigungsverhältnisses, was den Planungshorizont (der Beschäftigten) erweitert“.

Quelle: IAB-Kurzbericht 10/2018

Neben den zuvor geschilderten Veränderungen beim täglichen Pendeln, spielt der Sachverhalt bei Beschäftigungsabbau bzw. Betriebsschließungen eine immer größere Rolle bei der Betrachtung des Nachteilsausgleichs.

Aufgrund der Studienergebnisse muss davon ausgegangen werden, dass in einer neuen Stelle nicht nur Arbeitseinkommen (etwa in Leiharbeitsfirmen) und Arbeitsqualität abnehmen, sondern auch die Pendeldistanzen mit all ihren Nachteilen zunehmen. Dieser Aspekt spielte in den Sozialplänen bislang eine nur untergeordnete Rolle.

Da es die Aufgabe eines Sozialplans ist, nachteilige Folgen unternehmerischer Maßnahmen für die Arbeitnehmer auszugleichen, gewinnt die bisher nur bedingt gewürdigte Pendlersituation an Wichtigkeit.

EWR Consulting GmbH unterstützt Betriebsräte bei Umstrukturierungen und ermittelt im Rahmen von Sozialplanverhandlungen die wirtschaftlichen Nachteile, die die Mitarbeiter infolge von Entlassungen erfahren. Erfahrungsgemäß zeigt sich dabei, dass die Nachteile infolge eines Jobverlustes in aller Regel deutlich höher sind, als sie von den Arbeitgebern auf den ersten Blick gesehen werden.

[1] IAB, Klarer Trend zu längeren Pendeldistanzen, IAB-Kurzbericht 10/2018.

EWR

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